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Epilepsie bei Hunden – mit Dr. Deborah Wimmer: Milos Geschichte

Vor kurzem haben wir Milo verloren, einen etwa zehnjährigen Hund aus dem Tierschutzverein Oberhavel. Milo hatte Epilepsie und wartete lange im Tierheim auf ein Zuhause. Sein Schicksal hat uns sehr bewegt. Gerade deshalb möchten wir seine Geschichte nutzen, um über Epilepsie beim Hund aufzuklären und Berührungsängste abzubauen.

Milos Geschichte

Sein Fall zeigt: Mit der richtigen Versorgung kann ein epilepsiekranker Hund ein nahezu normales Leben führen. Er war unter medikamentöser Therapie “so normal wie jeder andere Hund”, freundlich und aktiv. Und trotzdem haben Hunde wie er oft Schwierigkeiten, ein neues Zuhause zu finden, weil viele Menschen vor der Diagnose Epilepsie zurückschrecken. Im Folgenden möchten wir kurz erklären, was Epilepsie bei Hunden bedeutet, wie man damit umgeht und warum sich eine Adoption eines solchen Tieres lohnen kann.

Was ist Epilepsie?

Epilepsie ist eine neurologische Erkrankung. Das bedeutet, dass es im Gehirn zu unkontrollierten elektrischen Entladungen kommt, die wiederkehrende Krampfanfälle auslösen. Etwa ein bis zwei Prozent aller Hunde sind betroffen. Man unterscheidet vor allem die idiopathische Epilepsie, bei der keine andere Ursache gefunden wird und die meist genetisch bedingt ist, und die symptomatische Epilepsie als Folge anderer Erkrankungen wie Tumoren, Entzündungen oder früherer Verletzungen.

Während eines Anfalls verliert der Hund sein Bewusstsein, verkrampft, zittert, speichelt und setzt oft unkontrolliert Kot oder Urin ab. Das sieht dramatisch aus, ist für den Hund aber nicht schmerzhaft. Während der unkontrollierten Bewegungen besteht jedoch ein Verletzungsrisiko. Nach dem Anfall folgt oft eine Erholungsphase, die sogenannte postiktale Phase. In dieser Zeit wirkt der Hund orientierungslos, unsicher oder ungewöhnlich hungrig. Diese Veränderungen sind vorübergehend und klingen wieder ab.

Viele Hunde reagieren empfindlich auf Stress. Lärm, starke Aufregung, ungewohnte Situationen oder auch vergessene Medikamente können neue Anfälle begünstigen. Deshalb profitieren epileptische Hunde besonders von einem ruhigen, strukturierten Alltag.

Behandlung und Lebenserwartung

Epilepsie ist nicht heilbar, aber in vielen Fällen medikamentös gut kontrollierbar. Die Basis der Therapie sind Antiepileptika, also Medikamente, die die Anfallshäufigkeit und -stärke reduzieren. Diese müssen meist lebenslang gegeben werden und erfordern regelmäßige Kontrollen der Blutwerte, um die richtige Dosierung sicherzustellen. Des Weiteren spielt auch eine gezielte Ernährung eine grundlegende Rolle.

Ist ein Hund gut eingestellt, kann er ein ganz normales Leben führen. Bei idiopathischer Epilepsie entspricht dann die Lebenserwartung unter Therapie häufig der eines gesunden Hundes. Gefährlich wird es vor allem dann, wenn Anfälle unbehandelt bleiben oder sehr lange dauern. Genau deshalb ist eine konsequente tierärztliche Betreuung so wichtig.

Warum Epilepsie im Tierheim ein besonderes Problem ist

Für epilepsiekranke Hunde ist das Tierheim ein ungünstiger Ort: Es gibt viele Reize, Lärm und wechselnde Situationen, die oft Stress bedeuten. Und Stress wiederum kann neue Anfälle auslösen. Kommt es zu einem Anfall in einer Hundegruppe, kann das gefährlich werden, weil andere Hunde das Verhalten nicht einordnen können. Manche reagieren mit Angst und beissen deshalb das krampfende Tier sogar. Deshalb müssen betroffene Hunde häufig separiert oder besonders überwacht werden, was ihre soziale Teilhabe weiter einschränkt.

Auch der organisatorische Aufwand ist für Tierheime natürlich eine zusätzliche Belastung: Medikamente müssen zuverlässig gegeben, Anfälle dokumentiert und Notfallsituationen erkannt und betreut werden. Für Tierheime ist das zwar leistbar, aber sehr herausfordernd. 

Für die Hunde bedeutet es oft eine längere Verweildauer, denn viele Interessenten schrecken allein wegen der Diagnose zurück. Ein Teufelskreis, der sich nur durch Aufklärung durchbrechen lässt.

Warum sich eine Adoption trotzdem lohnt

Ein Hund mit Epilepsie ist die meiste Zeit einfach ein „normaler“ Hund und die Anfälle sind eher Ausnahmesituationen, die mit Routine und Disziplin gut handhabbar sind. Viele Halter lernen schnell, Vorzeichen zu erkennen und ihren Hund in dieser Phase zu unterstützen. Was anfangs beängstigend wirkt, wird mit ein wenig Übung und Erfahrung selbstverständlich.

Wer einem solchen Hund ein Zuhause gibt, übernimmt Verantwortung, bekommt dafür aber oft eine besonders enge Bindung. Medikamente, regelmäßige Kontrollen und ein ruhiger Alltag werden Teil der Normalität. Die Kosten sind meist überschaubar, und Tierärztinnen sowie Tierheime lassen neue Halter mit Fragen nicht allein.

Milo hat gezeigt, dass Epilepsie betroffenen Hunden nicht seine Lebensfreude, seine Zuneigung oder seine Fähigkeit, ein treuer Begleiter zu sein nimmt. Diese Hunde verdienen eine Chance.

Im Gedenken an Milo wünschen wir uns, dass mehr Menschen hinschauen statt wegzusehen. Nicht perfekt zu sein, macht manchmal die Verbindung sogar besonders eng.